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Russland wird uns retten! …oder doch nicht.

Dass immer mehr alternative Blogger, Vlogger, Internet-Aufklärer usw. für Putins Russland sympathisieren, ist nicht zu übersehen. Vom (plumpen) Antiamerikanismus, der seit 1968 von „links“ nach „rechts“ gewandert ist, bis hin zu Lobeshymnen für den neuen Feldherrn und Verfechter „konservativer“ wie „nationaler“ Werte ist mehr oder weniger alles dabei. Barnum-Effekt lässt grüßen.

 

Stimmt dies wirklich?

Einerseits ja: das heutige Russland ist nicht die alte Sowjetunion und räumt dem alten Regime lediglich den Verdienst ein, das riesige Reich zusammengehalten zu haben. Eine neue, irgendwie konservative, zusammengebastelte Ideologie liegt dem neuen Russland zugrunde und Putin scheint, die nationalen Interessen seines Landes zu bewahren.

Andererseits ist Russland wirklich das nationale, homogene Paradies und Vorbild für die neuen Patrioten? Klare Antwort: nein. Russland ist und bleibt ein multiethnischer Staat, zentralistisch und autokratisch gesteuert.

 

Handelt Russland im deutschen Interesse, oder auch im Interesse anderer europäischer Völker? Wenn ja, dann rein zufällig.

Putin vertritt in erster Linie seine eigenen Interessen und die seines Landes. Dass Deutschland davon profitieren könnte (über die Vorteile des Handels hinaus), ist äußerst fragwürdig.

Ja, ein gewisser George Friedman (siehe Rede bei Stratfor) hatte verlautbart, dass US-amerikanische geopolitische Interessen den Fokus darauf hätten, „ein Bündnis zwischen Russland und Deutschland zu verhindern“. Man könnte hinzufügen: Deutschland hätte das Know-how und Russland das Arsenal.

 

Doch wie würde so ein „Bündnis“ aussehen? Wie wäre es mit der politischen Gewichtung bestellt? Man braucht kein großes Vorstellungsvermögen, um festzustellen, dass Deutschland noch enger an diese neue Machtzentrale gebunden wäre, als es heute an Brüssel ist. Reicht die schon heute manifestierte mangelnde Selbstbestimmung nicht?

Hat Russland etwas gegen die „Flüchtlingskrise“ getan?

 

Mal davon abgesehen, dass die meisten Migranten aus Afrika und nicht aus Syrien oder aus anderen umkämpften Gebieten nach Europa kommen, hat jemand hierzulande die Rolle Russlands im syrischen Bürgerkrieg jemals objektiv bewertet? Wohl kaum: einerseits Lobreden für die „effektive“ russische Intervention gegen ISIS, andererseits das dumme Geschwätz von „guten amerikanischen Bomben“ auf Mossul (Irak) und „bösen russischen Bomben“ auf Aleppo (Syrien). Objektivität, wissenschaftliche Faktenanalyse und letztendlich seriöser Journalismus sehen anders aus.

 

Wenn einerseits die US-Regierung ISIS nur im Irak bekämpft und in Syrien hofft, dass diese Terrormiliz zusammen mit Al-Nusra & Co. Assad zu Fall bringen kann, schützt Putin ausschließlich seinen geostrategischen Partner. Ja, Assad ist besser als ISIS, aber – Hand aufs Herz – wer möchte wirklich unter dessen Regime leben? Auch hier lasse ich die Frage offen.

 

Es sollte uns allen mittlerweile klar sein, dass Syrien kein Staat mehr ist, sondern ein Schlachtfeld, an dem sich die zwei Großmächte und sämtliche Regionalmächte (z.B. die Ölmonarchie und das neue Osmanische Reich) ungerechtfertigt und auf Kosten der dort lebenden Menschen bereichern. Die absolut gute und die absolut böse Kriegspartei gibt es dort nicht!

Hatte Russland die Balkanroute geschlossen?

 

Nein, es waren die Visegrád-Staaten (also Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei) und Österreich. Außer Ungarn (auch hier nur Lobeshymnen oder Verunglimpfungen an die Adresse Viktor Orbáns) vergessen wir die anderen besagten V4-Mitglieder und die Alpenrepublik viel zu oft: sie sind das einzige Gegengewicht zur Achse Merkel-Macron in Europa.

 

Wie verhält es sich zwischen den ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion und dem heutigen Russland? Auch hier hagelt es Lügen von links und rechts in der deutschen Medienlandschaft. An der Stelle sei gesagt, dass die Visegrád-Staaten wissen, was Besatzung und Fremdbestimmung bedeuten! Deswegen verhalten sie sich skeptisch sowohl gegenüber Brüssel (Berlin und Paris) als auch gegenüber Moskau: Sanktionen und Schikanen als Erpressung wegen der abgelehnten „Flüchtlingsquoten“ wollen sie nicht, aber auch keine Panzer wie 1956 in Budapest und 1968 in Prag.

 

Ein Beispiel: der tschechische Staatspräsident Miloš Zeman ist nicht wirklich als Russland-Kritiker bekannt. Als im Juni 2015 das russische Staatsfernsehen den Prager Frühling als „Putschversuch durch eine Vereinigung verurteilter ehemaliger Nazis, SS-Leute und Kollaborateure“1 darstellte, äußerte er sich unmissverständlich mit den Worten „Das russische Fernsehen lügt.“

Ist Russland der Paladin gegen die „Gladio-Besatzer“? Das predigt Herr Dr. Ganser ständig, also, es wird wohl stimmen.

 

Einer der wichtigsten Freunde Putins ist ein gewisser Silvio Berlusconi. Ja, genau der Berlusconi, der so oft für meist negative Schlagzeilen gesorgt hat.

Auf diese Schlagzeilen (meistens Frucht des Zentralrats der Empörten) will ich gar nicht eingehen. Größtenteils davon ist haltlos.

Es muss aber erwähnt werden, dass signor Berlusconi bereits in den 1970er Jahre ein hohes Viech in der berüchtigten Loge P2 war, möglicherweise sogar die Nummer 2 nach dem Big Boss Licio Gelli.

Des Weiteren hatte Berlusconi die NATO-Geheimarmee „Stay Behind“ (die sich in Italien GLADIO nannte) öffentlich verteidigt, als Ultima Ratio gegen die kommunistische Bedrohung.

Ist dies wieder ein Einzelfall? Keineswegs: bereits in den 1990er Jahren entstand eine Verbindung zwischen Alexander Dugins Netzwerken und der Monatszeitschrift „Orion, mensile di opposizione globale“, an der auch ehemalige Mitglieder des rechten „Aktivismus“ wie Maurizio Murelli beteiligt waren. Ausgerechnet dieser „Aktivismus“ und dessen terroristische Auswüchse („Nuclei Armati Rivoluzionari“ usw.) waren maßgeblich von den italienischen und US-Geheimdiensten gesteuert.

 

Dazu noch: die von NATO und CIA gesteuerten Geheimarmeen Terrorvereinigungen dienten damals als „Gegenspieler“ für die „Roten Brigaden“ und den „Partito Comunista Combattente“ („Kämpfende Kommunistische Partei“), die nachweislich von der Sowjetunion direkt oder mittelbar über die damalige Kommunistische Partei Italiens gelenkt wurden.

 

Die meisten wissen es nicht, aber in Russland gibt es sogar eine Stadt namens „Togliatti“, als Ehrung des „großen Parteivorsitzenden“ Palmiro Togliatti. Zur Verdeutlichung: eine Stadt namens „Ulbricht“ oder „Ceaușescu“ gibt es in Russland nicht. 

Fazit

 

Der Frust der hiesigen Rebellen gegen Merkels Politik ist durchaus nachvollziehbar. Nach Eurorettungen am laufenden Band (eigentlich Rettung gescheiteter Staaten und deren Zentralbanken in Euro) und einer regelrechten Asylindustrie (samt Rechtsbrüchen, Propaganda, Täterschutz und Zensur à la Orwell gegen alle Kritiker) wundert es mich nicht, dass immer mehr Menschen hierzulande ihre Stimme dagegen erheben. Das tue ich auch.

Und dennoch: macht es Sinn, eine neue Schutzmacht anzubetteln? Ist es wirklich „patriotisch“, einem neuen Herrchen hinterher zu wedeln? Diese Frage lasse ich absichtlich offen. Diese soll jeder für sich selbst beantworten.

 

© D. Bullcutter, 2018

 

1 http://www.radio.cz/de/rubrik/geschichte/russische-doku-zum-einmarsch-1968-der-mythos-der-bruderhilfe