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Satanismus, Transhumanismus… oder einfach Illuminismus?

Wer die alternative Szene verfolgt und sich nicht auf die Oberfläche der großen Themen beschränkt („Putin gut, Trump böse“ oder wahlweise „Putin gut, Merkel böse“ etc.), der stößt zwangsläufig auf Vorträge und Aufsätze über Kabbala, Satanismus, Transhumanismus etc.

Was haben diese drei Elemente miteinander zu tun? Im alternativen Narrativ seien Endzeitsekten am Werk, welche auf ähnliche Art und Weise wie Freimaurer und Illuminati (wenn auch nicht zusammen mit Freimaurern und Illuminaten) ihre globale satanische Agenda umsetzen und diese mithilfe der Numerologie vorankündigen. Wer sich danach erkundigen will, der kann in Eigenregie den Vorträgen von Mark Passio und/oder Wolfgang Eggert sein besonderes Augenmerk schenken. Davon ist in folgender Abhandlung nicht die Rede.

 

Eine weitere Komponente sei die Ablehnung von Spiritualität und die schleichende aber stetige Durchsetzung von transhumanistischen Visionen… Ghost in the shell lässt grüßen.

Alles Mumpitz? Hat die offizielle Seite – also der Mainstream – Recht?

 

Ich kann dies nur verneinen und sage dazu: wer heute immer noch der staatlich und von Oligopolisten gesteuerten Propaganda Glauben schenkt, dem ist nicht mehr zu helfen. Und ich meine es nicht rein rhetorisch, nach all den Ereignissen und Fehlentwicklungen der letzten Jahre.

Nun was ist am Narrativ der alternativen Szene verkehrt?

Fangen wir mit einer einfachen und leider viel zu oft vergessenen Tatsache an: kein Mensch kann sich über Nacht ein ganzes System ausdenken und installieren. Dennoch gab und gibt es immer noch Menschen, die einen „Geistesblitz“ haben und beginnen, ein Manifesto oder ganze Bücher niederzuschreiben, um so die Basis einer neuen Weltanschauung zu setzen.

 

So entstehen kulturelle und philosophische Strömungen, die vielleicht nicht sofort greifen und die von den Verfassern und Anhängern skizzierten Visionen nicht zeitnah realisieren, aber einen Keim setzen, der früher oder später fruchtet. Den Gründern einer jeden philosophisch-kulturellen Strömung ist in den meisten Fällen bewusst, dass sie selbst höchstwahrscheinlich die Verwirklichung ihrer Träume nicht sehen werden: sie reichen weit über deren Lebenswahrscheinlichkeit hinaus. Trotzdem versuchen sie, den o. g. Keim zu pflanzen und somit die Basis einer Langzeitstrategie zu gründen.

Spielen Geheimgesellschaften, Geheimorden und Sekten gar keine Rolle? Doch, sehr wohl! Es sind die ersten Think Tanks ante litteram seit Aufbruch der sogenannten Moderne. Sie konkretisieren Ideen in Zielen und Plänen und, je nach Geschick und Glück, beeinflussen sie die öffentliche Meinung und unterwandern bestehende Strukturen auf allen möglichen Ebenen etc. Zudem verstreuen sie gezielt Gerüchte und Falschinformationen, um Kritiker (also Menschen, die grundsätzlich Doktrinen in Frage stellen) hinters Licht zu führen. Auf diese Art und Weise nutzen sie einen wichtigen Hebel der Massenpsychologie: die Masse strebt nach Sicherheit und einem geregelten Leben, tendiert also umso mehr zum Mainstream, je breiter und unübersichtlicher die Alternativen sind. Welcher Otto Jedermann macht sich die Mühe, in dem Wust an alternativen Theorien und Geschichtsschreibungen tief zu recherchieren, um sich ein eigenes Bild zu verschaffen? Viel bequemer ist es doch, das meist verbreitete Narrativ (also, den Mainstream selbst) zu konsumieren.

Kommen wir zurück zu der boshaften Dreifaltigkeit Satanismus, Transhumanismus, Illuminismus. Kennt jemand den italienischen Dichter Giosuè Carducci? Sicherlich sehr wenige. Schade, weil ausgerechnet Carducci insbesondere für ein Gedicht berühmt wurde, das Hymne an Satan1 heißt. Und mit Satan identifiziert er die reine Naturwissenschaft zum Eigenzweck: scientia gratia scientiae.

Es ist ein Loblied an die Erkenntnistheorie (auch als Epistemologie bekannt), die nicht von heute auf morgen entstand, sondern sich durch einen langen Prozess entwickelte, der zwar in der Zeit des Humanismus und der Renaissance (ital. Rinascimento) als Gegenströmung zum verfestigten Kulturmonopol der Kirche ansetzte und für ein Aufblühen alten Wissens (u. A. Neoplatonismus) unter neuartiger Betrachtung sorgte, doch den größten Meilenstein in der Zeit der Aufklärung schaffte. Ein jener Geist der Moderne, der alles ablehnt, was nicht materiell und rational ist.

Dabei ist es völlig egal, ob das Nichmaterielle ein abrahamitischer Glaube (also, eine Religion), eine spiritistische Tendenz (Crowley, New Age usw.), ein vorchristlicher Kult oder eine fernöstliche spirituelle Philosophie (Buddhismus usw.) ist. Der „Erleuchtete“ der Neuzeit wertet es bestenfalls als „Zeitverschwendung“ und im schlimmsten Fall als „reaktionäres Gedankengut“, das um jeden Preis zu bekämpfen sei und ausradiert werden müsse.

 

Diese Dichotomie wurde zwar erst von György Lukács2 postuliert, beruht aber auf einer Basis, einem Keim, den die „Erleuchteten“ im 18. Jahrhundert pflanzten.

Benötigt man dafür eine Sekte, einen Geheimorden wie die bayerischen Illuminati oder ganze Scharen von Freimaurerlogen, wenn die Aufklärung selbst Siècle des Lumières oder einfach Illuminismo heißt? Wie oft in meinen Blog-Beiträgen, lasse ich auch hier die Frage offen.

Diese philosophische Strömung hat ganze Generationen von Denkern, Einflussnehmern und Umsetzern beflügelt und erlebt gegenwärtig in unserer Zeit eine regelrechte Renaissance. Was für ein Zufall, dieser Name!

Was wir heute (leider) erleben, ist nur die Endphase einer Vision und einer Langzeitstrategie, die spätestens mit der Fabian Society eine konkrete Zielformulierung fand und seit der Frankfurter Schule in einer Agenda systematisch konkretisiert wird.

 

Auch hier sei gesagt, dass sich das o. g. Muster abermals wiederholt: Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, György Lukács und vor ihnen schon George Bernhard Shaw, Bertrand Russel und Herbert George Wells wussten, dass sie nie im Leben die Realisierung ihrer Pläne sehen würden. Doch sie pflegten den von Rousseau gepflanzten berüchtigten Giftkeim, wie der Android David in Alien Covenant die monströse Kreatur züchtet.

Spätestens jetzt sollte allen klar geworden sein, was tatsächlich als „Satan“ hoch gepriesen wird: nicht irgendein Dämon, eine „negative Spiritualität“ oder ein „Fürst der Finsternis“, sondern die Reduzierung des Menschen zum (Versuchs)Objekt für die reine Naturwissenschaft.

Von dieser Basis bis hin zum Transhumanismus ist der Sprung nicht mehr weit. Ausgehend von Galileis Saggiatore3, in dem die Natur selbst als lesbar in der Sprache von Dreiecken, Quadraten und Zahlen sei, streben die neuen Neopositivisten unserer Zeit eine „Verbesserung“, eine „Optimierung“ des Menschen an.

Der Mensch sei von allen spirituellen Altlasten befreit worden, könne von Emotionen befreit werden (Wir wollen nicht irgendwelche romantischen Vorstellungen zulassen, verdammt!) und zur Perfektion hochgehievt werden.

Dazu sei auch der von Nietzsche vorgeschlagene Weg zum Übermenschen – der keineswegs mit „Superman“, sondern mit „Overman“ oder auch „Oltreuomo“4 zu deuten ist – zu verwerfen.

Denn den damaligen und heutigen Neopositivisten (oder Erleuchteten oder wie auch immer sie sich selbst nennen wollen) geht es in Wirklichkeit nicht um eine „neue Menschheit“ mit einer „neuen Moral“, als Alternative zur alten verfallenen Moral, oder um eine Brücke zur Überwindung des Nihilismus. Diese „Helden“ à la PSIRAM & Co. betrachten den Menschen eben als „unvollendetes Wesen“ bzw. „optimierbares biochemisches Werk“, dessen Vergänglichkeitsproblem mithilfe der Technik gelöst werden könne.

Dazu noch: eine Befreiung des Willens lehnen diese Leute entschieden ab! Der neue Maschinenmensch solle/dürfe weder wie Dionisos tanzen noch wie Apollon nach Selbsterkenntnis streben. Er solle endlich aus perfekten Dreiecken, Quadraten und Zahlen bestehen, auf „ineffiziente“ Emotionen verzichten, von bestehenden Gesellschaftsstrukturen (Ehe, Familie, Volk usw.) losgelöst und am besten mit anderen Maschinenmenschen sowie mit einem zentralen Superrechner vernetzt werden.

 

Klingt dies nach Johnny Mnemonic, Matrix, THX-1138, Logan’s Run, Schöne Neue Welt und Ghost in the shell? JA!

Das alles ist der einzige Grund, die einzige Basis der heutigen und der für die Zukunft angestrebten (Fehl)Entwicklungen, die sämtliche Progressisten vorantreiben.

Ein Beispiel: in Schöne Neue Welt wird den neuen Menschen ein „Aufklärungsfilm“ über die „düstere Vergangenheit“ gezeigt, in dem vom „Leben in kleinen Clans“ geredet wird. Diese „kleinen Clans“ sind Familien, darum könne sich die neue Menschheit glücklich schätzen, den „Familismus“ hinter sich gelassen zu haben.

 

Nur ein dystopischer Roman bzw. Film? Bei der 14. Documenta wurde das Werk des „Künstlers“ Terre Thaemlitz gezeigt: Deproduktion5, als Gegenteil von Reproduktion, also Fortpflanzung. Es sind verfremdete Pornofilme zur Bekämpfung des „Familismus“. Die Familie sei der Feind der Demokratie und müsse abgeschafft werden. Gegen diesen selbsternannten „geschlechtslosen Künstler“ Thaemlitz verblasst sogar Marina Abramovic.

Geht es den Kritikern dieser Visionen (also auch meiner Wenigkeit) um die Ablehnung von Wissenschaft und Technik tout court? Keineswegs.

In jeder kulturellen philosophischen Strömung ist nie alles gut oder alles schlecht.

Mal Hand aufs Herz! Wir genießen einige Vorteile der Industrialisierung, die wir vielleicht für selbstverständlich halten mögen, aber keineswegs selbstverständlich ist.

Können Sie sich vorstellen, in einem großen Gebäude zu leben, ohne fließendes Wasser, ohne Toilettenpapier und mit reichlich Ungeziefer, vor dem Sie Ihren Kopf mithilfe eines Netzes mehr schlecht als recht zu schützen versuchen? Willkommen im Schloss von Versailles zur Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV.! Heutzutage genießt der einfache Handwerker in seiner bescheidenen Wohnung mehr Komfort als damalige politische Größen.

 

Ich maße mir an, für Gleichgesinnte bzw. für ähnlich gestrickte Leute zu sprechen: wir lehnen die Entmenschlichung einfach ab. Mensch, bleib Mensch! 

 

#StopLeftDystopia

 

© D. Bullcutter, 2018

1 A Satana, Giosuè Carducci, 1863

2 Die Zerstörung der Vernunft, György Lukács, 1954

3 Il Saggiatore, Galileo Galilei, 1623

4 Italienische Nietzsche.Ausgabe, Giorgio Colli, Mazzino Montinari, 1964

 

5 HNA, https://www.hna.de/kultur/documenta/documenta-kuenstler-zeigt-pornos-und-will-familie-abschaffen-8482173.html